2011 wird schlimm
„Die Wahrheit über den spanischen Immobilienmarkt" - Ein aktuelles Buch sorgt für Aufsehen
Hier ein Scan von GSP aus einem empfehlenswerten Artikel der ´CSN Costa Sol Nachrichten´ vom 09.12.2010
Autor des Artikels in der CSN: Thomas Liebelt
Kaum wähnt die Immobilienbranche in Spanien, ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen, schon werden wieder große Töne gespuckt: So überraschte der Bauträgerverband von Murcia jüngst mit der Aussage, in der Region würden 6.000 Wohnungen fehlen. Ausgerechnet in Murcia, wo der hohe Stock an unverkauften Immobilien noch längst nicht abgetragen ist.
Doch diese offenkundige Fehleinschätzung von Leuten, die es eigentlich wissen müssten, kommt nicht von ungefähr: Seit Sommer erlebt Spanien eine „Mini-Blase". Monat für Monat wechselten über 40.000 Wohnungen den Besitzer. So viel Bewegung hatte es auf dem Immobilienmarkt lange nicht gegeben. Dabei ist klar: Es ist der Wegfall der Steuervergünstigung für den Erwerb von Wohneigentum zum Jahreswechsel, was den Markt derzeit anheizt. Zudem werfen Banken und Sparkassen, die zum Teil in erheblichen Liquiditätsschwierigkeiten stecken, ihre Immobilien auf den Markt und locken mit vermeintlichen Schnäppchen.
Diese Entwicklung verführt selbst Experten zu einer für die Branche optimistischen Einschätzung: „Der Spielraum für weitere Preisnachlässe ist aufgebraucht", sagte beispielsweise Eloy Bohüa, Direktor des Madrider Immobiliensalons. Sein Kollege José Luis Miguel, Präsident der Immobilienmesse Urbe in Valencia, schloss sich noch Ende November der Meinung an: „Die Trends besagen, dass die Preise nicht mehr groß fallen werden."
Das trickreiche Dreieck
Just in diese Mischung aus Wunschdenken und Fehleinschätzung platzt ein Buch, das es in sich hat: „Die Wahrheit über den spanischen Immobilienmarkt" heißt das Werk von Borja Mateo, das am 2. Dezember in Madrid vorgestellt worden ist. So prophezeit der Wirtschaftsrechtler: „Das schlimmste Jahr für den Sektor wird 2011, daran gibt es keinen Zweifel."
Der Buchtitel suggeriert, dass über den Immobilienmarkt in Spanien Unwahrheiten im Umlauf sind. Für Mateo steht das außer Frage: „In Spanien gibt es ein Dreieck aus Politik, Finanzwesen und Bauträger, das dem Bürger, egal zu welchem Zeitpunkt, einzureden versucht hat, dass gerade jetzt der beste Zeitpunkt sei, eine Immobilie zu kaufen. Das passiert seit 2003."
Mateo spricht sogar offen von „Täuschung". Koodiniert worden sei die Verschleierungstaktik vom früheren Wohnungsbauministerium. In den Jahren 2004 bis 2006 habe das Ministerium systematisch geleugnet, dass es in Spanien eine Immobilienblase gibt. 2006 bis 2008 sei verschwiegen worden, dass der Kauf von Immobilien stagniert und die Preise 7.11 fallen beginnen. 2007 und 2008 habe die Politik die Geschichte einer „sanften Landung" erzählt. „2009 und 2010 sagt man uns dann, dass die Immobilienpreise bereits ausreichend gefallen sind und jetzt der geeignete Zeitpunkt ist. eine Wohnung zu kaufen", sagt Maleo.
Die Taxierungsgesellschaften
Was den Preisrückgang anbetrifft, operierte das Wohnungsbauministerium in der Tat mit unglaubwürdigen Zahlen. Noch kurz vor der Kabinettsumbildung im Oktober, bei der das Ressort seine Eigenständigkeit verlor und dem Verkehrsministerium angegliedert wurde, äußerte Ministerin Beatriz Corredor, die Preise hätten gegenüber dem Höhepunkt des Booms um durchschnittlich 12,8 Prozent nachgegeben. Experten sprachen längst von 30 Prozent.
Die Politik beruft sich bei ihren Angaben auf die Taxierungsgesellschaften. Im Falle des Wohnungsbauministeriums auf den Dachverband Atasa (Asociación Profesional de Sociedades de Valoración). Doch für Mateo stellt Atasa keine unabhängige Quelle dar: „Das ist eine Vereinigung von verschiedenen Taximinierungsgesellschaften: 13 der 38 Mitglieder gehören zu 100 Prozent Banken und Sparkassen, und auch die übrigen sind von den Finanzinstituten abhängig", sagt Mateo. „Die sind doch nicht so dumm und schmeißen Steine aufs eigene Dach."
Ein Einzelbeispiel ist Tinsa (Tasaciones Inmobiliarias S.A.), die größte Taxierungsgesellschaft Spaniens: Deren Aussage - im September getätigt - über den Preisverfall auf dem Immobilienmarkt weicht ebenfalls erheblich von der Realität ab: knapp 18 Prozent. Tinsa gehört 36 Sparkassen sowie deren Dachverband Ceca.
Der Millionen-Stock
„Wenn Tinsa den wirklichen Preisrückgang nennen würde, wäre dies ein Eingeständnis, dass die Aktiva der Sparkassen noch deutlich niedriger liegen als bisher angegeben.
Manche Kasse wäre dann wohl pleite", sagt Mateo. Der tatsächliche Verfall der Immobilienwerte werde verheimlicht.
Der Autor und Wirtschaftsrechtler selbst gibt den Preisverfall mit durchschnittlich 32 Prozent an. Doch damit nicht genug. Die Preise, sagt Mateo voraus, werden um weitere 40 bis 50 Prozent sinken. „Das heißt: Bis die Entwicklung die Talsohle erreicht hat, werden die Preise im Schnitt um 65 bis 70 Prozent zurückgegangen sein." Dieser Trend werde mindestens bis einschließlich 2013 anhalten.
Einen wesentlichen Grund für den weiteren Preisverfall sieht Mateo in dem hohen Stock an unverkauften Immobilien in Spanien. Deren Gesamtzahl beziffert er auf rund 5,7 Millionen Wohnungen. Die Summe setze sich unter anderem zusammen aus 3,1 Millionen leerer Wohnungen, die zum Verkauf stehen. 1,2 Millionen Wohnungen seien fertiggestellt, aber noch nicht registriert. Davon stünden 960.000 zum Verkauf. Eingestellt seien die Arbeiten an weiteren 663.000 Wohnungen. Knapp 600.000 befänden sich noch im Bau. „Anhand dieser Zahlen kann jeder seine eigenen Schlüsse darüber ziehen, wohin sich die Preise entwickeln werden", sagt Mateo.
„Die große Debatte, die jetzt in Spanien beginnen und gründlich geführt werden sollte, dreht sich dä mm, wie viele Hunderttausende Wohnungen abgerissen werden müssen", meint Mateo. Allerdings sei die spanische Gesellschaft noch nicht reif, dieses Thema anzugehen. „Dazu ist es zu früh", sagt Mateo.
Das Jahr der Wahrheit
Es bedarf keiner Hellseherei, um vorauszusagen, dass die Immobilienmarktlage dem spanischen Finanzsystem noch größte Schwierigkeiten bereiten wird: „Spanien hat eine Zehn-Prozent-Wahrscheinlichkeit, die gleiche Erfahrung zu machen wie Irland", sagt auch Mateo. Bereits die Stresstests im Juli dieses Jahres hätten klar ergeben, dass sich das hiesige Finanzsystem, wenn man den Verkehrswert für die Immobilien ansetzt, in einer kritischen Situation befindet. So betrage die Kreditausfallquote keineswegs nur 5,49 Prozent, vielmehr liege sie bei über 11 Prozent.
Auch die Tatsache, dass Banken und Sparkassen in Spanien auf rund 900.000 Immobilien sitzen, verschlimmert laut Mateo die Situation. „Wenn die Leute erst einmal kapieren, dass die Preise noch weiter sinken, werden sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht kaufen." Banken und Kassen kämen nicht umhin, die Preise weiter zu senken und den Wert ihrer Immobilien in den Bilanzen nach unten zu korrigieren. „Wenn internationale Investoren aber erst einmal die Wahrheit
über das Finanzsystem hier kennen, wird es Spanien sehr, sehr schlecht ergehen", behauptet Mateo.
Für den Buchautor wird 2011 das „Jahr der Wahrheit": Die Arbeitslosigkeit werde weiter um die 20 Prozent liegen, die Banken würden weiter Immobilien anhäufen und die Leute sich bewusst werden über die eigentliche Marktsituation. „Der eigentliche Knackpunkt aber wird die Erhöhung der Zinsen sein, die diejenigen ertrinken lässt, die unvorsichtigerweise in den vergangenen Jahren gekauft haben."
Problem verschoben
So provokant sich die Thesen Mateos zum Teil anhören mögen, fremd der Realität sind sie nicht. „Einen weiteren Preisverfall bis 2013 halte ich für wahrscheinlich", meint auch Immobilienexperte Andreas Schaich vom gleichnamigen Maklerbüro in Eis Poblets. Auch dass dem Finanzsektor ein katastrophales Jahr bevorsteht. Der Grund: das derzeitige Geschäftsgebaren vor allem von Sparkassen auf dem Immobiliensektor.
Mit aggressivem Marketing werden aus deren Bestand Immobilien angeboten. Die Kassen werben mit Nachlässen von 35 bis 40 Prozent. „Dem Kunden wird suggeriert, dass er jetzt ein Schnäppchen macht", sagt Schaich. Dabei liege der tatsächliche Verkehrswert der Immobilie noch immer um etwa 30 Prozent unter dem angebotenen Preis. „Dazu kann man nur sagen: Finger weg", sagt Schaich.
Für die Situation der Sparkassen verschärfend kommt die derzeitige Finanzierungspraxis hinzu. Wer eine Immobilie aus Kassenbestand ersteht, kann mit einer 100-Prozent-Finanzierung rechnen. „Das Problem hatten wir schon zu Boomzeiten: Da werden Leute gelockt, die 100 Prozent doch gar nicht bedienen können", meint Schaich. „Auf diese Weise verschiebt eine Caja das Problem nur auf das nächste Jahr. 2011 wird das platzen", ist sich der Makler sicher.
Für den Immobilienmarkt an den Küsten sieht Schaich die Entwicklung indes gelassen: Was beispielsweise Ferienimmobilien anbetrifft, „werden Ausländer Spanien am Leben erhalten", meint der Makler. „Für Kunden, die sich für Spanien interessieren, ist der Markt wieder attraktiv geworden."
Ähnlich sieht das auch Mateo: „Das einzige Element, das Regionen wie der Costa Bianca oder der Costa del Sol hilft, sind die Ausländer." Deren Finanzverhalten sei besser entwickelt als bei Spaniern. „Solange Ausländer nicht sicher sind, dass die Preise den Tiefstand erreicht haben, so lange kaufen sie nicht", sagt Mateo.
Schaich hält den psychologischen Faktor ebenfalls für einen wichtigen Aspekt in der Immobilienkrise. Vor allem aus Sicht der Spanier. „Gerade spanische Bauträger oder Verkäufer kommen nach dem rasanten Boom oft nicht mit der Situation klar. Viele glauben immer noch, dass die Krise eine Eintagsfliege ist, aber das ist ein Trugschluss."
Eine Frage des Vertrauens
Führt man die Argumente von Mateo und Schaich zusammen, bleibt eine einfache Erkenntnis: Ausländer wollen billig kaufen, Spanier aber nicht billig abgeben. Das aber wird die Verkaufsseite wohl kaum lange durchhalten.
Unterdessen müht sich die Politik in Madrid, anhaltenden Spekulationen im Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise entgegenzuwirken: Es sei absolut ausgeschlossen, dass Spanien wie Irland auf den Euro-Rettungsfonds zurückgreifen müsse, w;arb Ministerpräsident José Luis Zapatero am vergangenen Freitag in einem Rundfunkinterview um Vertrauen.
Mit Blick auf die Sparkassen des Landes verwies Zapatero auf die eingeleitete Sanierung des Sektors. Doch solange die Cajas weiterhin völlig überzogene Immobilienwerte in ihren Bilanzen ausweisen und die Banco de España das duldet, wird Spekulanten nicht der Boden entzogen. Eine Frage des Vertrauens halt. Das herzustellen, glaubt Mateo zu wissen, „wird ein sehr schmerzhafter Prozess".
Am Donnerstag ist das Buch „La verdad sobre el mercado inmobiliario español" (Die Wahrheit über den spanischen Immobilienmarkt) in Madrid offiziell vorgestellt worden. Autor und Wirtschaftsrechtler Borja Mateo will mit seinem Werk nicht nur den Immobilienmarkt analysieren und seine These untermauern, dass die Preise in den kommenden Jahren noch weiter fallen werden. Vielmehr will Mateo dem Leser „auf einfache Weise zeigen, wie er viel Geld sparen kann, wenn er mit dem Gedanken spielt, eine Immobilie zu erwerben". Das Buch enthält auch einen Handlungsleitfaden für Kauf- oder Mietverhandlungen.
Mateo studierte an der Universität Deusto (Bilbao, San Sebastian) und an der Uni in Wien Wirtschaftsrecht. Mehrere Jahre arbeitete er für eine große deutsche Bank sowie für eine Londoner Investmentbank.
Borja Mateo: „ La verdad sobre el mercado inmobiliario español. Claves para comprar y alquilar barato en 2010-2015", Editorial Manuscritos, 452 Sei-ten, ISBN: 978-84-92497-59-1, Preis: 20 Euro (ohne IVA); Pedidos@editorialmanuscritos.